Lockdown in Marseille – Handlung

Inhalt:

In Carry-le-Rouet an der malerischen Küste vor Marseille ist eine Tragödie geschehen: Die Schülerin Emeline Bernier hat sich an einer Magnolie im Garten ihres Elternhauses erhängt. Es wird vermutet, dass die Fünfzehnjährige in den Wochen vor ihrem Tod von ihren Mitschülern gemobbt wurde. Gegen den Willen ihrer Vorgesetzten, deren halbwüchsige Kinder in die Ereignisse verwickelt sind, beginnen die Polizei-Inspektorin Nadia Aubertin und der Staatsanwalt Pierre Frigeri zu ermitteln. Bald schon finden Morde und Brandanschläge statt, gewisse Personen sollen zum Schweigen gebracht werden. Es scheint, dass Nadias und Pierres Vorgesetzte zu allem bereit sind, um die Schandtaten ihrer Kinder zu vertuschen. Auch Nadia, Pierre und ihre Freunde werden bedroht und riskieren ihre Karrieren. Noch dazu erschweren die Corona-Krise und der Lockdown es ihnen, der Sache nachzugehen und die Presse dafür zu interessieren.

Leseprobe:

Emeline

Lucie fuhr an diesem sonnigen Nachmittag Anfang März im Auto die Côte Bleue entlang, die Küste westlich von Marseille zwischen Carry-le-Rouet und Sausset-les-Pins. Das Meer leuchtete strahlend blau und die Kiefern an der Küstenstraße wiegten sich im Wind. Einige Boote waren unterwegs, ihre Segel flatterten wie weiße Fahnen auf dem Wasser. Lucie hatte soeben ihre neunjährigen Zwillinge beim Fußballtraining in Sausset-les-Pins abgesetzt, wo ihr Mann sie zwei Stunden später abholen würde. Das Gespräch mit Marc, dem Trainer ihrer Söhne, hatte Lucie in Unruhe versetzt. Marc hatte gemeint, es bestehe ein Risiko, dass die Spiele der kommenden Wochen wegen des Corona-Virus abgesagt werden müssten. Lucie, die zwar wusste, was in Norditalien geschah, hatte sich über Corona bisher trotz allem keine besonderen Gedanken gemacht. In Frankreich war das Virus nicht so präsent und sie hatten relativ gute Spitäler – einen Lockdown konnte sie sich nicht vorstellen. Doch der Trainer wusste anscheinend viel mehr als sie. Er hatte prophezeit, binnen weniger Tage würde Frankreich wie China und Teile Italiens in einen Lockdown gehen, die gesamte Bevölkerung würde unter Hausarrest stehen und die Schulen würden schließen. Es wurde vermutet, dass es in Frankreich wegen des Coronavirus mehrere Tausende Tote geben würde. Das war tatsächlich nicht so abwegig, wenn man sich die Situation in Italien ansah! Marcs Kommentare hatten Lucie äußerst pessimistisch gestimmt.Es war keine angenehme Zeit, die sie durchlebten. Ihr Mann hatte Sorgen im Büro. Er arbeitete in der Firma Eurocopter-Airbus und war dort als Exportverkäufer für Asien zuständig. Doch durch die Corona-Infektion und den chinesischen Lockdown hatte er in den vergangenen Monaten keine Verkäufe getätigt und war in den vorhergehenden Wochen nur untätig im Büro gesessen, was ihn sehr missmutig gestimmt hatte. Auch die Verkaufsprämien hatte er daher nicht erhalten, was sich auf das Budget der Familie negativ auswirkte. Die weltweite Gesundheits- und Wirtschaftssituation spitzte sich wegen der Corona-Erkrankung aufs Äußerste zu und Nicolas befürchtete sogar, seine Arbeit zu verlieren. Einige Schwarzmaler wie Lucies Nachbarin Madame Valmer meinten, es würde die größte weltweite Wirtschafts- und Gesundheitskrise seit dem Zweiten Weltkrieg vor der Tür stehen. Nicolas spottete zwar immer über Madame Valmer und meinte, sie sei chronisch depressiv, doch diesmal war er genauso beunruhigt wie sie, auch wenn er das vor Lucie zu verstecken suchte. Zum Glück arbeitete Lucie als Bürokraft im Rathaus von Martigues und würde ihre Arbeit auf jeden Fall behalten. Trotzdem fühlte sie eine diffuse Angst. Da war die Sorge um Nicolas’ Job, dann diejenige um ihrer aller Gesundheit und vor allem um das Überleben ihrer Eltern, die nicht mehr die Jüngsten waren und in Nordfrankreich wohnten. Und dann kam noch die Sorge um Emeline hinzu, die mit Corona nichts zu tun hatte. Lucie fand, dass Emeline seit einigen Wochen wirklich verschlossen wirkte. Ihre fünfzehnjährige Tochter schien unglücklich und verängstigt. Die Eltern schafften es nicht, in sie zu dringen und herauszufinden, was los war. Doch sie ahnten, dass es mit der Schule zu tun hatte. Emeline war immer eine gute Schülerin gewesen, deshalb glaubte Lucie nicht, dass es mit den Noten zusammenhing. Lucie hatte ein gutes Gefühl gehabt, als Emeline und ihre Freundin Christine in dieses Lycée in Marseille aufgenommen worden waren, das als eines der besten Oberstufengymnasien der Region galt. Es handelte sich um eine katholische Privatschule, wie es sie in Frankreich sehr viele gab. Katholische Organisationen oder Orden führten diese Schulen, doch das Programm war dasselbe wie an staatlichen Schulen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass diese Privatschulen ihre Schüler auswählten und ein wenig Schulgeld verlangten. Trotzdem galten diese katholischen Institutionen weder als Eliteschulen noch als Schulen für Reiche. Emeline und Christine waren stolz gewesen, in dieses Gymnasium gehen zu können, anstatt wie ihre ehemaligen Mitschüler das Lycée du Secteur in Martigues zu besuchen, der öffentlich zugeteilten Schule am Wohnort. Doch sehr bald war Lucie durch Bemerkungen der beiden Mädchen aufgefallen, dass sowohl Christine als auch Emeline sich in ihrer Klasse nicht wohlfühlten. Und seit den Weihnachtsferien war Emeline still und in sich gekehrt. Lucie hatte mit Christines Mutter darüber gesprochen, die sich genau dieselben Gedanken machte wie sie: Auch Christine schien zu leiden, erzählte aber zuhause nichts. Die Klassenlehrerin hatte beim Elternsprechtag Lucie gegenüber erwähnt, dass Emelines Klasse sehr schwierig sei, eine Gruppe von Mädchen tyrannisiere die Mitschüler und auch einige Lehrer. Wahrscheinlich waren Emeline und Christine Opfer dieser Gruppe geworden. Fälle von Mobbing an Schulen gab es ja zur Genüge, doch man musste die Situation vorzeitig in die Hand nehmen. Lucie beschloss, noch am selben Abend eine E-Mail an das Sekretariat zu schreiben, um ein Treffen mit der Direktorin zu erwirken. Sie fuhr am Jachthafen von Carry-le-Rouet vorbei in ihr Stadtviertel, das ein wenig außerhalb des Zentrums auf einem Hügel lag. Überall blühten bereits Apfelbäume, Forsythien und Goldregen. Am selben Morgen hatte Lucie gehört, dass der vergangene Winter in Südfrankreich einer der mildesten seit hundert Jahren gewesen war. Das war nicht unbedingt eine gute Nachricht, denn die Klimaerwärmung war eine Realität – man erinnere sich nur an den vergangenen Sommer, als in Südfrankreich Ende Juni Temperaturen bis siebenundvierzig Grad geherrscht hatten! Lucie war froh, nicht in der Stadt Marseille zu wohnen und auch nicht in Martigues, mitten im Industriegebiet, sondern an der Côte Bleue, am Rand des schmucken Hafenstädtchens Carry-le-Rouet, in einer alten Villa, die sie umgebaut und modernisiert hatten und von deren Balkon aus sie in der Ferne das Meer wahrnehmen konnten. Der Garten war voller schöner alter Bäume und sie hatten sich zehn Jahre zuvor, als sie das Haus renoviert hatten, ein Schwimmbad ausheben lassen. Für Lucie waren ihr Haus und ihr Garten eine Oase der Erholung. Sie liebte auch den Ort Carry-le-Rouet und die Côte Bleue, die Felsküste mit den malerischen Kalkbuchten und den kleinen Jachthäfen. Der Großstadt Marseille konnte sie allerdings nichts abgewinnen. Martigues, das sie relativ gern mochte, weil sie dort viele Freunde hatte und auch ihre Arbeitskollegen sehr schätzte, lag mitten im Industriegebiet und beunruhigte sie wegen der Schwerindustrie und der schlechten Luftqualität. Doch wenn sie in ihrem Haus oder an der Küste weilte, dachte sie weder an diese Zone, die sich zwanzig Kilometer weiter westlich befand, noch an die Großstadt, die östlich von ihrem Wohnort lag. Lucie öffnete mit ihrer Fernsteuerung das Gartentor und stellte das Auto vor dem Haus ab. Sie ging in Richtung Haustür und erwartete, diese nicht abgesperrt zu finden, weil Emeline bereits von der Schule zurück war. Doch sie hatte sich geirrt. Sie kramte nach ihrem Schlüssel und sagte sich, dass der Bus wohl wieder einmal Verspätung gehabt oder dass Emeline ihn versäumt hatte. Nun, sie würde anrufen, wenn sie den Zug genommen hatte und vom Bahnhof abgeholt werden wollte, der ziemlich weit vom Haus entfernt war. Lucie ging in die Küche und sah in den Kühlschrank. Sie beschloss, an diesem Abend Pizza zu machen. Vorher wollte sie jedoch Emeline anrufen, um zu wissen, wo ihre Tochter war. Sie wählte die Nummer, Emeline meldete sich aber nicht. Doch es schien Lucie, als höre sie im Obergeschoss Emelines Telefon läuten. Verblüfft legte sie auf. Es läutete nicht mehr. Sie wählte Emelines Nummer von neuem und stieg die Treppe hinauf. Und da hörte sie das Telefon ganz deutlich aus Emelines Zimmer. Emeline war daheim! Warum hatte sie sich eingesperrt? Lucie rief nach ihr und klopfte an die Zimmertür ihrer Tochter. Keine Antwort. Lucie öffnete die Tür. Stirnrunzelnd sah sie auf Emelines Telefon und auf die Schultasche, die am Boden stand. Auf dem Schreibtisch neben dem Telefon lagen der Zeichenblock und ein Stück Kohle. Emeline, die liebend gern zeichnete und ein besonderes Talent dafür bewies, hatte wohl sofort etwas skizziert, als sie von der Schule heimgekommen war. Lucie öffnete den Block und sah sich die Zeichnung an. Sie runzelte voller Missfallen die Stirn, denn sie sah einen Baum mit ausladenden Ästen, auf dem ein totes Mädchen an einem Seil hing, das um ihren Hals geschlungen war. Ein Mädchen mit wuscheligen Haaren, wie Emeline. Das Bild war sehr gelungen, doch es jagte Lucie einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Bisher hatte Emeline immer fröhliche und harmonische Bilder gemalt. Um sich zu beruhigen, sagte Lucie sich, Kunst ist Kunst und Emeline wird erwachsen. Nun ändern sich ihr Stil und ihre Themen. Im Haus herrschte Totenstille. Befand Emeline sich im Badezimmer oder im Keller? Aber Lucie konnte ihre Tochter nirgends finden. Nun, vielleicht saß sie ja im Garten und skizzierte die Bäume. Von ihrem eigenen Schlafzimmer trat Lucie auf den Balkon, der ihr einen Blick über das gesamte Grundstück gewährte. Die blühende Magnolie stand vor Lucie und streckte ihre kräftigen Zweige bis zum Balkon. Lucie erfreute sich an der zartrosaroten Farbe der wundervollen Blüten und nahm den Duft wahr. Doch als sie an das Geländer trat und ihren Kopf ein wenig nach rechts drehte, zuckte sie zusammen und begann laut zu schreien. Zugleich wartete sie darauf, dass sie aus diesem Albtraum erwachen würde, dass plötzlich alles dunkel um sie werden und dieses schreckliche Bild verschwinden würde. Vor ihr, nur wenige Meter vom Geländer entfernt, baumelte Emeline an einem Seil, das am dicksten Ast der Magnolie befestigt war. Es war um ihren Hals gewickelt, Emelines Gesicht war bläulich, die Augen geschlossen. Der Körper hing schlaff wie eine Stoffpuppe zwei Meter über dem Rasen. Lucie schien, als könne sie keine Luft mehr bekommen. Ihre Beine gaben nach und sie sank wimmernd zu Boden.

: