Das tote Mädchen – Handlung

Inhalt:

Eine Tragödie erschüttert die kleine Gemeinde Carry-le-Rouet an der malerischen Küste nahe Marseille: Die 15jährige Schülerin Emeline Bernier ist tot – Selbstmord. Offenbar wurde sie in der Schule gemobbt – und kurz vor ihrem Tod scheint die Situation völlig eskaliert zu sein. Polizei-Inspektorin Nadia Aubertin und Staatsanwalt Pierre Frigeri ermitteln gegen den Willen ihrer Vorgesetzten, deren halbwüchsige Kinder in die Ereignisse verwickelt sind. Doch schon bald gibt es weitere Tote. Und auch Nadia, Pierre und ihre Freunde sollen zum Schweigen gebracht werden … 

Ihr erster Fall führt die toughe Kommissarin und den ehrgeizigen Staatsanwalt tief ins finstere Herz der schillernden Provence-Metropole. 

Leseprobe

Emeline

Lucie fuhr an diesem sonnigen Nachmittag Anfang März im Auto die Côte Bleue entlang, die Küste westlich von Marseille zwischen Carry-le-Rouet und Sausset-les-Pins. Das Meer leuchtete strahlend blau und die Kiefern an der Straße wiegten sich im Wind. Einige Boote waren unterwegs, ihre Segel flatterten wie weiße Fahnen auf dem Wasser. Lucie hatte soeben ihre neunjährigen Zwillinge beim Fußballtraining in Sausset-les-Pins abgesetzt, wo ihr Mann sie zwei Stunden später abholen würde.

Das Gespräch mit Marc, dem Trainer ihrer Söhne, hatte Lucie beunruhigt. Marc hatte gemeint, es bestehe das Risiko, dass die Spiele der kommenden Wochen wegen Corona abgesagt werden müssten. Lucie, die zwar wusste, was in Norditalien geschah, hatte sich über die Krankheit bisher trotzdem nicht groß Gedanken gemacht. In Frankreich war das Virus nicht sehr verbreitet und sie hatten relativ gute Krankenhäuser, einen Lockdown konnte sie sich nicht vorstellen. Doch der Trainer wusste anscheinend mehr als sie. Er hatte prophezeit, binnen weniger Tage würde Frankreich wie China und Teile Italiens in einen Lockdown gehen, die gesamte Bevölkerung würde unter Hausarrest stehen und die Schulen würden schließen. Man ging davon aus, dass es in Frankreich mehrere tausend Tote geben würde. Das war tatsächlich gar nicht so abwegig, wenn man sich die Situation in Italien ansah! Marcs Kommentare hatten Lucie beunruhigt. Dieses flaue Gefühl, das sie schon seit Tagen begleitete, hatte sich nun zu ganz konkreter Sorge verdichtet.Es war für sie alle gerade keine angenehme Zeit. Ihr Mann hatte Probleme im Büro. Er arbeitete in der Firma Airbus Helicopters und war dort für den Verkauf nach Asien zuständig. Doch wegen Corona und des chinesischen Lockdowns hatte er in den vergangenen Monaten keinen einzigen Hubschrauber an den Mann gebracht. Auch Boni hatte er daher keine erhalten. Aber noch schlimmer war, dass Nicolas sogar befürchtete, seinen Job zu verlieren. Einige Schwarzmaler wie Lucies Nachbarin Madame Valmer behaupteten, es würde die größte globale Krise seit dem Zweiten Weltkrieg vor der Tür stehen. Nicolas spottete zwar immer über Madame Valmer und meinte, sie sei chronisch depressiv, doch diesmal war er genauso beunruhigt wie sie, auch wenn er das vor Lucie zu verbergen suchte. Zum Glück arbeitete Lucie als Bürokraft im Rathaus von Martigues und würde ihre Arbeitsstelle auf jeden Fall behalten. Trotzdem empfand sie schon seit Tagen eine diffuse Angst. Plötzlich war da die Sorge um Nicolas’ Job, und nun seit dem Gespräch mit Marc jene um ihrer aller Gesundheit, die ihrer Eltern, die nicht mehr die Jüngsten waren und in Nordfrankreich lebten. Und dann kam noch die Sorge um Emeline hinzu. Lucie fand, dass ihre Tochter seit einigen Wochen sehr verschlossen war. Das fünfzehnjährige Mädchen wirkte unglücklich und verängstigt. Sie und ihr Mann schafften es nicht, zu ihr durchzudringen und herauszufinden, was los war. Doch sie ahnten, dass es mit der Schule zu tun hatte. Die Noten konnten es nicht sein, Emeline war immer eine gute Schülerin gewesen. Doch irgendetwas war geschehen … Lucie hatte ein gutes Gefühl gehabt, als Emeline und ihre Freundin Christine in dieses Lycée in Marseille aufgenommen worden waren, das als eines der besten Oberstufengymnasien der Region galt. Es handelte sich um eine katholische Privatschule, wie es in Frankreich sehr viele gab. Kirchliche Organisationen oder Orden führten diese Schulen, doch der Lehrplan war derselbe wie an staatlichen Einrichtungen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass diese Privatschulen sich ihre Schüler aussuchten und Schulgeld verlangten. Trotzdem galten sie weder als Eliteschulen noch als Etablissements für Reiche. Emeline und Christine waren stolz gewesen, in dieses Gymnasium gehen zu können, anstatt wie ihre ehemaligen Mitschüler das öffentliche Lycée du Secteur in Martigues zu besuchen. Doch sehr bald war Lucie durch Bemerkungen der beiden aufgefallen, dass sowohl Christine als auch Emeline sich in ihrer Klasse nicht wohlfühlten. Und seit den Weihnachtsferien war Emeline still und in sich gekehrt. Lucie hatte mit Christines Mutter darüber gesprochen, die sich genau dieselben Gedanken machte wie sie: Auch Christine schien zu leiden, erzählte aber zu Hause nichts. Die Klassenlehrerin hatte beim Elternsprechtag Lucie gegenüber erwähnt, dass Emelines Klasse sehr schwierig sei, eine Gruppe von Mädchen tyrannisiere die Mitschüler und auch einige Lehrer. Wahrscheinlich waren Emeline und Christine Opfer dieser Gruppe geworden. Fälle von Mobbing an Schulen gab es ja zur Genüge, doch Lucie wollte die Situation frühzeitig klären. Sie beschloss, noch am Abend eine E-Mail ans Sekretariat zu schreiben und um ein Treffen mit der Direktorin zu bitten.

Sie fuhr am Jachthafen von Carry-le-Rouet vorbei in ihr Stadtviertel, das ein wenig außerhalb des Zentrums auf einem Hügel lag. Überall blühten bereits Apfelbäume, Forsythien und Goldregen. Lucie war froh, nicht direkt in Marseille zu wohnen und auch nicht in Martigues, mitten im Industriegebiet, sondern an der Côte Bleue, am Rand des schmucken Hafenstädtchens Carry-le-Rouet, in einer alten Villa, die sie umgebaut und modernisiert hatten und von deren Balkon aus sie in der Ferne das Meer sehen konnten. Der Garten war voller schöner alter Bäume, und vor zehn Jahren, als sie das Haus renoviert hatten, hatten sie sich ein Schwimmbad ausheben lassen. Für Lucie waren ihr Haus und ihr Garten eine Oase der Erholung. Bald setzte sie den Blinker, bog in ihre Straße ein und hielt vor ihrem Grundstück an. Mit ihrer Fernbedienung öffnete sie das Gartentor und stellte das Auto vor dem Haus ab. Sie ging zur Haustür und drückte die Klinke herunter, doch die Tür war abgesperrt. Hätte Emeline nicht bereits von der Schule zurück sein müssen? Lucie kramte nach ihrem Schlüssel und sagte sich, dass der Bus wohl wieder einmal Verspätung oder Emeline ihn verpasst hatte. Nun, sie würde schon anrufen, wenn sie den Zug genommen hatte und vom Bahnhof abgeholt werden wollte, der ziemlich weit vom Haus entfernt war.

Lucie ging in die Küche und sah in den Kühlschrank. Sie beschloss, abends Pizza zu machen. Vorher wollte sie jedoch Emeline anrufen, um zu erfahren, wo ihre Tochter war. Sie wählte die Nummer, aber das Mädchen meldete sich nicht. Allerdings hörte sie im Obergeschoss Emelines Telefon läuten. Verblüfft legte sie auf.Es läutete nicht mehr. Sie wählte erneut Emelines Nummer und stieg die Treppe hinauf. Und da hörte sie das Telefon ganz deutlich aus Emelines Zimmer. Ihre Tochter war daheim! Warum hatte sie sich eingesperrt? Lucie rief nach ihr und klopfte an die Zimmertür. Keine Antwort. Lucie öffnete die Tür. Stirnrunzelnd sah sie auf Emelines Telefon und auf die Schultasche, die am Boden stand. Auf dem Schreibtisch neben dem Telefon lagen der Zeichenblock und ein Stück Kohle. Emeline, die so gern zeichnete und ein besonderes Talent dafür bewies, hatte wohl sofort etwas skizziert, als sie von der Schule heimgekommen war. Lucie öffnete den Block und sah sich die Zeichnung an. Voller Missfallen runzelte sie die Stirn, denn sie sah einen Baum mit ausladenden Ästen, in dem ein totes Mädchen an einem Seil hing, das um ihren Hals geschlungen war. Ein Mädchen mit wuscheligen Haaren, wie Emeline. Das Bild war sehr gelungen, doch es jagte Lucie einen Schauer über den Rücken.

Im Haus herrschte Totenstille. War Emeline im Badezimmer oder im Keller? Aber Lucie konnte ihre Tochter nirgends finden. Nun, vielleicht saß sie ja im Garten und zeichnete dort. Von ihrem eigenen Schlafzimmer trat Lucie auf den Balkon, der ihr einen Blick über das gesamte Grundstück gewährte. Die blühende Magnolie streckte ihre kräftigen Zweige bis zu ihr herüber. Lucie erfreute sich an der zartrosaroten Farbe der wundervollen Blüten und sog den Duft ein. Doch als sie ans Geländer trat und ihren Kopf ein wenig nach rechts drehte, zuckte sie zusammen und begann zu schreien. Vor ihr, nur wenige Meter entfernt, baumelte Emeline an einem Seil, das am dicksten Ast der Magnolie befestigt war. Emelines Gesicht war bläulich, die Augen geschlossen. Ihr Körper hing schlaff wie eine Stoffpuppe zwei Meter über dem Rasen. Es war deutlich zu sehen, dass ihr Genick gebrochen war. Emeline war tot, jede Hilfe kam zu spät. Lucie schien keine Luft mehr zu bekommen. Ihre Beine gaben nach, sie sank wimmernd zu Boden.

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