Textproben


Die Marseille Morde: Band 5 – Stille Schreie auf Pomègues

Marcel  Concalvez war froh, dass die Ferienzeit vorüber und der Herbst gekommen war. Sein Inselparadies hatte er nun wieder fast für sich. Er hasste den Sommer, wenn sie alle in Pomègues und Ratonneau einfielen, die Touristen aus Nordfrankreich und dem Ausland, die Einwohner von Marseille und die Tagesgäste aus der Region. Die Frioul-Inseln waren ein Archipel direkt vor Marseille. Es handelte sich um vier Inseln, die beiden großen, Ratonneau und Pomègues, waren durch den Damm La Digue Berry miteinander verbunden. Vor ihnen Richtung Marseille befand sich If, auf der die Festung stand, die durch den Roman Der Graf von Monte Cristo von Alexandre Dumas berühmt geworden war, und hinter den beiden Hauptinseln versteckte sich die kleine unbewohnte Insel Tiboulen. Auf Ratonneau lagen das Feriendorf und der Hafen Port du Frioul.

Marcel lebte ein wenig außerhalb dieser kleinen Siedlung in einem Steinhäuschen. Von der Anhöhe, auf der sein Haus stand, genoss er einen wundervollen Blick auf die Stadt Marseille und auf If. Die Frioul-Inseln waren dürre Felsen, die schöne Buchten und bizarre, von der Erosion geschliffene Kalkfelsen besaßen.

Bei Wanderern und Bootseigentümern waren sie im Sommer sehr beliebt und quollen vor allem im Juli und im August vor Badegästen geradezu über. Die Leute lärmten, störten die Vögel und ließen Müll zurück. Doch nun, Ende September, hatte der Archipel seine Ruhe wiedergefunden. Die Buchten waren von der Gemeindeverwaltung gereinigt worden und die Einwohner konnten ihr Paradies noch ein bis zwei Monate genießen, bevor der Winter kam und der eisige Mistral über die Felsen fegte.

Zu dieser Jahreszeit waren die Inseln unwirtlich, es lebten dort nur an die hundertfünfzig Einwohner ganzjährig. Im Sommer befanden sich allerdings zwanzigmal mehr Leute auf den Inseln, Port du Frioul war vor allem ein Feriendorf mit Zweitwohnsitzen und Ferienwohnungen. Der Frühling und der Herbst stellten die schönste Zeit auf dem Archipel dar, es war nicht zu viel los, trotzdem kamen ruhige Gäste, vor allem Wanderer, die die Natur mochten, und Tagesgäste, die sich das Schloss von If ansahen und einen Halt auf Ratonneau machten.

Marcel liebte es, auf einer Insel zu leben. Er kannte fast jeden, vertraute allen und hatte seine Ruhe. Ratonneau war ganz anders als die Großstadt, Port du Frioul war trotz der touristischen Überschwemmung im Sommer noch immer ein sicherer Hafen. An diesem Tag überquerte Marcel den Damm Richtung Pomègues, eine längliche, felsige, fast unbewohnte Insel mit einigen Befestigungsanlagen aus den vorigen Jahrhunderten, und ging den Pfad entlang, der zum Südende der Insel führte. Er wollte dort angeln und hatte alles dabei, was er brauchte. Plötzlich stutzte er. Er verstand im ersten Moment nicht, was er da neben dem Weg erblickte. Sein Gehirn wollte es nicht verstehen, es war zu unsinnig, zu grausam.

Wenige Meter vor ihm lag der zarte Körper einer jungen Frau. Sie trug ein kurzes Abendkleid und die dazugehörigen Sandalen. Doch dem Körper fehlte der Kopf, am Hals war eine scheußliche Kruste.Marcel schloss die Augen und öffnete sie wieder. Er war nicht verrückt, was er vor sich sah, war keine Wahnvorstellung.

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Capitaine Mathieu Dubois ermittelt: Band 3 – Finsteres Grab in Port Miou

Bisou, der weiße Labradorwelpe, war mittlerweile fünf Monate alt und tollte ziemlich ausgelassen herum. Sie hatten ihn drei Monate vorher gekauft, weil Marc und Sylvie Hunde liebten und in Auriol nun auch einen Garten besaßen. Sylvie war schwanger. Sie wollte in zwei Monaten aufhören zu arbeiten und drei Jahre Mutterschaftsurlaub nehmen. So würde der Hund nicht allein sein und genügend Auslauf haben, weil sie mit den Kindern ohnehin sehr viel spazieren ging. Das Einzige, was Sylvie nicht gefiel, war der Name ihres Haustiers. 

Bisou, Küsschen, fand sie einen reichlich doofen Namen für einen Labrador, doch Emma hatte darauf bestanden, und Martin fand es originell, damit war Sylvie überstimmt gewesen. 

Plötzlich schrie Emma auf. 

»Bisou! Bisou ist da oben! Komm herunter, Bisou! Böser Bisou!« 

Tatsächlich tauchte der Labrador einige hundert Meter weiter oben auf dem Hügel auf, wo sich anscheinend ein Plateau befand, auf dem das Kalkgestein in die Erde überging. Dort scharrte er emsig. Er schien etwas höchst Interessantes entdeckt zu haben, denn er hörte nicht auf Martins Rufe. Seit einiger Zeit ließ Martin ihn abrichten, und der Welpe hatte begonnen, ihm und Sylvie aufs Wort zu folgen. Deshalb konnten sie ihn auch auf ihren Spaziergängen hin und wieder frei laufen lassen. An diesem Nachmittag ignorierte er sie jedoch vollkommen. 

»Was macht er denn dort oben bloß?«, fragte Martin genervt. 

»Gehen wir rauf!«, piepste Emma. »Es ist ja gar nicht steil. Bisou hat sicher was ganz Tolles gefunden.« 

Verzweifelt sah Sylvie nach oben. Der Hang war in der Tat nicht besonders steil, der Buschwuchs der Heide sehr niedrig, doch es ging relativ weit hinauf, und sie fühlte das Gewicht ihres Bauches, das sie nach unten zog. Viel lieber wäre sie auf dem Weg geblieben, der nur sanft anstieg. 

»Ich gehe mit Emma«, entschied Martin. »Setz du dich kurz hin. Wir müssen sehen, was Bisou dort oben treibt, und holen ihn herunter. Und dann kommt er an die Leine!«

»In Ordnung. Aber seid vorsichtig, vor allem beim Abstieg!« 

Folgsam setzte sich Sylvie an den Wegrand, während Emma voller Energie nach oben stürmte, sodass Martin Mühe hatte, ihr zu folgen. 

»Langsam, Emma«, mahnte er. 

Sylvie ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Was für ein wunderschöner Märztag!, dachte sie. Sie saß in kurzen Ärmeln am Meer, die Temperatur betrug angenehme 24 Grad. Sie schloss die Augen und entspannte sich. Von Weitem hörte sie Emmas aufgeregte Stimme. 

»Papa, was ist das? Was hat Bisou da gefunden? Das ist aber hässlich!« 

Kurz darauf hörte sie, wie ihr Mann ihren Namen rief. »Sylvie, wir brauchen dich!« 

Seine Stimme klang seltsam zittrig. »Lass dir Zeit, komm langsam herauf.« 

Sylvie erhob sich, wandte sich seufzend dem Hang zu und begann den Aufstieg. 

Sie sah Martin telefonieren. Nun war ihre Neugier angestachelt. Immer schneller stieg sie nach oben, bis sie vollkommen außer Atem war. 

»Papa, was ist das? Warum ist das da?«, hörte sie Emma nun schon zum zehnten Mal fragen. 

Endlich hatte sie Martin und Emma erreicht. Als sie sich umblickte, bemerkte sie, dass sie sich auf einem weiten Plateau befanden. Es erstreckte sich oberhalb des Wanderweges und des Pinienwaldes. Etwa hundert Meter von dort, wo sie standen, führte ein ziemlich ramponierter Schotterweg, der anscheinend vom Jachthafen kam, über das Plateau Richtung Route de la Gineste.

Martin starrte zitternd auf den Boden, Emma hatte die Lippe vorgeschoben und ging langsam hin und her. Sie schien begriffen zu haben, dass ihr Vater sehr bestürzt war und ihr im Moment keine Erklärungen geben würde.

Der Einzige, der zufrieden wirkte, war Bisou. Er wedelte mit dem Schwanz und schien sehr stolz auf seinen Fund. 

Emma senkte den Blick und erstarrte. 

Auf dem Boden vor ihr lag ein menschlicher Schädel. 

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Frankreich-Thriller: Wenn die Vergeltung später kommt

Er musste wenden. Die kleine Straße, in der sich Schlaglöcher und Risse befanden, führte nach oben, direkt auf eine Cité zu, einen riesigen Wohnblock eines Vorstadtviertels. Das hohe, langgezogene Gebäude erhob sich über der Fahrbahn. Greg wusste, dass diese riesigen Wohnblocks von den Drogenhändlern kontrolliert wurden und dass keiner sich ihnen nähern durfte, der nicht Bewohner oder Kunde war. Besser er fuhr sofort zurück zur Hauptstraße hinunter. Sein Baugrund lag sicher nicht dort oben! Etwas hektisch manövrierte Greg das Auto in eine Einbuchtung. Die Gegend, in der er sich befand, war schäbig, überall lag zwischen Schotterhalden Müll herum. Die wenigen relativ verkommenen Gebäude, die entlang der Straße standen, waren wohl irgendwelche Werkstätten, die zum größten Teil nicht mehr benutzt wurden. Aber Greg musste zugeben, dass der Blick von der Anhöhe auf das Mittelmeer einzigartig war. Unter ihm erstreckte sich die erwachende Stadt, und weiter draußen leuchteten die Felsen der Frioul-Inseln weiß-rosa im Sonnenlicht. Es kamen im Moment keine Autos, er begann mit dem Wendemanöver. Platz war nicht viel vorhanden, und er musste schnell sein. Vor, zurück, vor, zurück, einschlagen. Greg spürte, wie er zu schwitzen begann. Geschafft! Nun fuhr er dieselbe Straße wieder nach unten, Richtung Meer und vor allem Richtung Schnellstraße und Autobahn. Die aufgehende Sonne stand niedrig und blendete ihn. Er konnte kaum etwas sehen, und die Sonnenstrahlen fuhren wie glühende Schwerter in seine Pupillen. Er hatte wieder einmal seine Sonnenbrille vergessen. Trotzdem verlangsamte Greg nicht, er war schon reichlich spät dran. 

Hinter der Kurve spürte er plötzlich einen heftigen Stoß auf der rechten Seite seines Wagens, dann hörte er ein hässliches Knirschen und das Geräusch von Blech. Sein Wagen polterte über etwas Großes, Hartes. Er riss das Auto herum und kam kurz auf die linke Spur, schaffte es aber, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er erschrak und bremste. Was war das nur gewesen? Zu Tode erschrocken blickte er in den Rückspiegel. Dort sah er einige Meter hinter sich jemanden am Boden liegen. Einige Meter von einem verbogenen Fahrrad lag ein Mensch vollkommen verrenkt auf der Straße. Gregs Blut gefror, sein Herz schien stillzustehen. Er hatte einen Radfahrer gerammt! Weil er zu schnell um die Kurve gefahren war. In Panik sah er aus dem Auto. Alles war ruhig. Niemand zu sehen, im Moment herrschte auch kein Verkehr. 

Greg überlegte nicht, gab Gas und fuhr davon. 

Nichts wie weg! Es war nicht geschehen! Was er geglaubt hatte, war nicht passiert. Er hatte keinen Radfahrer gerammt. Der Radfahrer hatte nicht am Boden gelegen, zwei Meter von seinem verbogenen Fahrrad. 

Du hättest anhalten sollen!, sagte eine eindringliche Stimme in ihm. Dich um ihn kümmern sollen. Du bist dabei, Fahrerflucht zu begehen.

Es kommen sicher andere Fahrer, die ihn sehen und ihm helfen, beruhigte er sich jedoch. Ob du wegfährst oder stehen bleibst, ändert nichts an seinem Schicksal. Während du wirklich in Schwierigkeiten geraten wärst, wenn du angehalten hättest. 

Er fuhr schneller, keine Autos kamen ihm entgegen, auch im Rückspiegel sah er niemanden. Erst als er unten auf die Hauptstraße kam, traf er wieder auf Verkehr. Er nahm bald die Schnellstraße, fuhr auf die Autobahn auf und raste durch den Tunnel von der Stadt weg, viel zu schnell. Seine Hände zitterten, sein Atem ging unregelmäßig. In seiner Brust spürte er das wohlbekannte Stechen, das immer dann auftrat, wenn er Stress hatte. 

Hatte er diesen Radfahrer umgebracht? Und wer war es gewesen? Ein Mann oder eine Frau?Sein Telefon läutete. Das waren die Kunden, die beim Baugrund auf ihn warteten. Er hob nicht ab. Er war unfähig, nun ein Telefongespräch zu führen. Das Treffen mit den Kunden war geplatzt, und es war ihm ziemlich egal. Seine Gedanken rasten ihm durch den Kopf. 

Er musste sich einen Plan zurechtlegen. Es so aussehen lassen, als wäre er nie in Marseille angekommen. Sein Auto war beschädigt, er musste einen anderen Unfall vortäuschen. Seinen Chef anrufen und ihm sagen, er habe einen Schwindelanfall erlitten und sei bei der Mautstelle an die Leitplanke gefahren. Das Auto dann sofort loswerden. Verbrennen oder verschrotten. Eine Weile im Krankenstand sein. Kündigen. Nie mehr einen Fuß nach Marseille setzen. Niemals erfahren, was mit diesem Radfahrer geschehen war. Weder die Marseillaise noch die Provence Edition Marseillelesen. Und hoffen. Hoffen, dass wirklich niemand ihn gesehen hatte.