Herbst in der Provence

Der Herbst ist in Marseille und Umgebung die schönste Jahreszeit. Die Touristen reisen ab, die Gegend gehört wieder ihren Einwohnern, es ist noch warm, aber nicht mehr heiß. Die Blätter färben sich und leuchten golden im Licht der Sonne. Meistens ist im Herbst das Wetter weitaus angenehmer als im Frühling, der eisige Mistral, der Nordwind, der durch das Rhône-Tal Richtung Süden fegt, bläst im Herbst nicht so häufig wie im Winter und im Frühling. Das Meer zeigt sich meistens klar und ruhig, manchmal gibt es spektakuläre Stürme und hohe Wellen zu sehen, die für Abwechslung sorgen.

Herbst im Hinterland von Marseille

Was machen meine Romanfiguren im Herbst? Häufig denke ich an sie, wenn ich zur Arbeit fahre und frage mich, ob sie diese Jahreszeit genießen. Die Antwort ist ja, denn es handelt sich um junge Menschen ohne Kinder, denen der Schulbeginn nicht zu schaffen macht, die im Herbst häufig Urlaub nehmen, um außerhalb der Hauptreisezeit wegzufahren und die die Wochenenden in den Calanques ohne Touristen so richtig genießen. Nun können sie wieder ungestört Sport betreiben, lange Wanderungen entlang der Küste unternehmen, fast menschenleere Küstenlandschaften genießen und die Cafés und Restaurants von Marseille unter Einheimischen besuchen.

Meine Romanfiguren haben keinen geregelten Rhythmus wie diejenigen, die im Tourismus arbeiten. Es gibt im Kommissariat keine Hochsaison und keine Nebensaison. Die Ermittler der Kriminalpolizei haben fünf Wochen Urlaub, die sie sich mit ihren Chefs und Kollegen einteilen, abgesehen davon geschieht nur Unvorhergesehenes. Es gibt jedes Jahr Wochen, in denen viel los ist, dann wieder ruhigere Wochen, diese sind aber keineswegs saisonbedingt. Kriminalität hat keine wirkliche Saison. Natürlich geschieht im Sommer, wenn viele Touristen in der Stadt sind, mehr als im Winter, der Tourismus zieht auch Banden an, die in der Stadt ihr Unwesen treiben.

Und trotzdem ist der Arbeitsrhythmus meiner Romanfiguren keineswegs von den Jahreszeiten geprägt. Ihre Freizeit allerdings schon. Im Winter fahren sie gerne in die Alpen, die zweieinhalb Stunden von Marseille entfernt sind, im Frühjahr sind sie viel an der Küste unterwegs. Im Sommer fliehen sie aus dem überfüllten und heißen Marseille, im Herbst jedoch holen sie sich ihre Stadt und ihre Küsten wieder zurück. Meine Krimi-Helden lieben den Herbst deshalb, weil er für sie Ruhe und Erholung in der Natur bedeutet. Es gibt auch milde Wintertage, an denen man hier im Süden die Küste genießen kann, aber noch schöner ist es im Herbst, wenn die Vegetation bunt gefärbt ist und die Landschaft wie Gold glänzt.

Wie entstehen meine Romanfiguren?

Häufig werde ich gefragt: Woher hast du deine Ideen? Woher kommen deine Romanfiguren? Sind sie dir ähnlich? Oder ähneln sie irgendwelchen Personen aus deinem Umfeld? Sehr viele Autorinnen und Autoren nehmen wirkliche Menschen aus ihrem Umfeld als Modelle für ihre Romanhelden, viele bringen auch sich selbst ein. Irgendeine Figur enthält meistens autobiografische Elemente. Als ich zu schreiben begann, war meistens die Hauptperson mir selbst sehr ähnlich. Mittlerweile sind alle meine Figuren und Sachverhalte komplett erfunden. Ich habe kein Bedürfnis mehr, autobiografische Elemente in meine Geschichten einfließen zu lassen und möchte auch nicht irgendwelche Personen aus meinem Umfeld in meinen Krimis skizzieren.

Meine Hauptfiguren Nadia und Fiona ähneln mir in keiner Weise. Es handelt sich um sportliche und unerschrockene Frauen, die sich in einer Männerwelt behaupten müssen und kein besonders ruhiges Leben führen. Ich gehe einem typischen Frauenberuf nach, bin nicht sonderlich sportlich und würde große Angst haben, einen Beruf ausüben zu müssen, bei dem ich mit Gewalt und Tod in Berührung komme. Daher sind Fiona und Nadia überhaupt nicht nach mir geraten. Ich habe auch keine Freundinnen, die so sind wie die beiden Polizistinnen. Allerdings gibt es in jedem Buch irgendeine Person, mit der ich mich aufgrund von irgendwelchen Tätigkeiten, Begebenheiten oder Verhaltensweisen identifizieren kann. In meinem Roman „Lockdown in Marseille“ wäre das am ehesten der Englischlehrer, der sieht, dass in seiner Klasse ein Drama geschehen ist und sich dazu entscheidet zu handeln, anstatt wie seine Kollegen wegzuschauen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Auf jeden Fall rede ich mir ein, dass ich mich wahrscheinlich wie er verhalten würde.

Wenn ich zu schreiben beginne, sind die wichtigsten Romanfiguren im Detail skizziert. Die Opfer, die Täter und die Hauptpersonen stehen von Anfang an klar fest. Meistens kommen dann noch Personen hinzu, die mir im Laufe des Schreibens einfallen, um die Ermittlung bunter und unruhiger zu gestalten. Ich habe sehr viel Fantasie und immer neue Ideen, was sich nicht immer vorteilhaft auf den Krimi auswirkt: Die meisten Romane werden zu lang, was mein armer Agent seufzend zur Kenntnis nimmt. Vor allem habe ich Probleme damit, mich von meinen Romanfiguren zu verabschieden, wenn der Fall geklärt ist. Sehr gerne lasse ich sie dann noch die Sache aufarbeiten und künde an, wie es weiter geht. Allerdings ist das nicht das Ziel eines Krimis: Der Krimi endet, wenn der Fall gelöst ist.

Ich bin meinen Romanheldinnen und auch-helden sehr nahe. Wenn ich durch Marseille fahre oder spaziere, überlege ich mir, was sie gerade machen, wo sie gerade umgehen, wie sie angezogen sind. Sie leben in einer parallelen Welt, die manchmal mit meiner in Berührung kommt. Sie sind meine Freundinnen und Freunde, aber sie ähneln weder mir noch irgendwelchen Personen aus meinem Umfeld.

Neues aus Marseille: Der Müllskandal

Unglaublich aber wahr: Vor drei Wochen begann in Marseille und Umgebung die Müllabfuhr zu streiken. Grund dafür war die Tatsache, dass die Angestellten, die bisher nur dreieinhalb Stunden pro Tag sechs Tage pro Woche arbeiteten, von nun an ein wenig mehr arbeiten sollten, was sie ablehnten. Der Streik dauerte ganze zehn Tage und artete aufgrund der schlechten Wetterbedingungen in einen Umweltskandal aus, der die Küsten gefährdete. Überall in Marseille und Umgebung häufte sich der Müll. Gehsteige und Straßen waren beinahe verstopft, es stank, zahlreiche überglückliche Ratten tummelten sich in der Stadt.

Ganz Frankreich spottete über Marseille, aber denjenigen, die sich vor Ort befanden, war das Lachen vergangen. Meine Arbeitskollegen erklärten mir, dass ich mich daran gewöhnen müsse, die Müllabfuhr streike in Marseille regelmäßig. Trotzdem regten sie sich maßlos auf und erklärten mir, dass es sich um mafiöse Umstände handle. Tatsächlich ist die Sache ziemlich kompliziert. In Frankreich gibt es mehrere Gewerkschaften, die sich gegenseitig überbieten. Sie animieren die Angestellten zum Streik und bezahlen ihnen dafür ihre Löhne, die diese durch die Streikaktivität verlieren. Jede Gewerkschaft will diejenige sein, die sich am besten um die „Acquis sociaux“, die sozialen Errungenschaften der Angestellten, kümmert, das Ziel ist, so viele neue Mitglieder wie möglich anzuwerben. Streiken liegt in der Mentalität der Franzosen, vor allem im Süden, und wird durch die Macht und die Bestrebungen der verschiedenen Gewerkschaften begünstigt.

Die Kehrseite von Marseille –
regelmäßige Streiks der Müllabfuhr

Die Müllabfuhr wird in Marseille nicht von der Stadt, sondern von der Metropole gemanagt, einer weitläufigen Vereinigung von Gemeinden, die fest in der Hand der rechtskonservativen und mehr oder weniger korrupten Partei ist (siehe Nicolas Sarkozy). Auch der ehemalige Bürgermeister von Marseille, über den sich die Journalistin Laura in meinem Krimi aufregt, entstammt dieser Partei. Nun wird dieser Metropole vorgeworfen, nichts getan zu haben, um die Situation zu regeln. Normalerweise werden in solchen Fällen private Unternehmen mit der Beseitigung des Mülls betraut. Der Bürgermeister von Marseille, der der Partei „Vereinigung der Linken“ angehört, beteuert, dass ihm die Hände gebunden sind, weil die Müllbeseitigung keine Kompetenz der Stadt, sondern Aufgabe der Metropole ist. Dabei muss gesagt werden, dass nicht nur Marseille von dem Problem betroffen war, sondern auch Aix-en-Provence und andere Städte und Dörfer. Aber nur in der Millionenstadt Marseille artete das Problem auf dramatische Weise aus.

Es gab Anfang letzter Woche, ungefähr am zwölften Streiktag, schwere Regenfälle und Überschwemmungen in Marseille. Zum Glück ist dabei niemand umgekommen und auch der Sachschaden war begrenzt. Aber ein Teil der angehäuften Abfälle wurde ins Meer geschwemmt und es kam zu einem Umweltskandal. Die Stadtstrände waren voller Müll und sogar der Nationalpark der Calanques wurde als bedroht angesehen. Freiwillige begannen, die Strände und Küsten zu säubern. Und die Metropole gab nach: Die Angestellten der Müllabfuhr arbeiten bei gleichem Gehalt weiterhin nur dreieinhalb Stunden pro Tag.

Nun ist der Müllskandal vorüber und die Stadt wieder mehr oder weniger sauber. Die Einwohner sind jedoch empört. Die Politiker der Metropole haben nichts getan, um das Problem rechtzeitig in Angriff zu nehmen. Die Müllabfuhr hat weiterhin gestreikt, obwohl ein Umweltskandal drohte und Freiwillige mussten die Strände säubern! Wobei noch nicht alles komplett gereinigt werden konnte, ein Teil der Abfälle treibt weiterhin im Meer.

Wieder einmal sieht ganz Frankreich verächtlich auf Marseille herab, und das zu Recht. Es scheint typisch für diese Großstadt zu sein, dass die Stadtverwaltung und die Metropole sich nicht einigen können, dass die Angestellten der Müllabfuhr die Einwohner als Geiseln nehmen, um ihre Errungenschaften zu verteidigen, dass die Gewerkschaften diese Situation missbrauchen und dass viele Dinge in der Verwaltung und der Politik unklar sind. Aber auch die Tatsache, dass in Sachen Umwelt nicht schnell genug reagiert wird, charakterisiert Südfrankreich. Genau davon soll mein nächster Krimi handeln: Von einem Umweltskandal, der von menschlicher Profitgier ins Leben gerufen und von den Politikern nicht ernstgenommen wurde.

Schauplätze

Anscheinend sind ja Schauplätze bei Krimis sehr wichtig. Deshalb gibt es so viele Regionalkrimis. Von Kroatien über die Provence bis nach Andalusien wird munter gemordet und ermittelt. Die deutschsprachigen Krimi-Leser*innen haben anscheinend besonders gern Kriminalromane, deren Handlung im Ausland spielt, am liebsten in exotischen Ländern und Städten. Aber auch in jedem deutschen und österreichischen Bundesland und in jedem Kanton der Schweiz finden imaginäre Verbrechen statt, die aufgeklärt werden sollen.

Mein Roman lebt von seinen Schauplätzen. Ohne Schauplätze würde es für mich keine Kommunikation in den Social Medias geben. Auf Instagram und Facebook poste ich mindestens zweimal wöchentlich Fotos von Marseille und der Küste, die den potenziellen Lesern Lust auf mein Buch machen sollen. Und das, obwohl in meinem Krimi nicht alles eitel Wonne ist und mehrere dramatische Szenen sich an unschönen Orten der großen Hafenstadt abspielen.

Marseille ist wie jede Großstadt auch nicht durchwegs malerisch und teilweise relativ schmutzig. Häufig streikt die Müllabfuhr und die Stadt verwandelt sich in eine stinkende Hölle. Die Bilder von den Müllbergen in den Straßen Marseilles erspare ich meinen Lesern und Followern jedoch. Auch die riesigen Wohnblöcke der Vorstädte fotografiere ich nur von weitem. Viel lieber entführe ich meine Follower*innen in die Küstenregionen und zeige ihnen die spektakulären Gebäude und schmucken Gässchen nicht weit vom Kommissariat meiner Ermittlerinnen.

Als ich Krimis zu schreiben begann, vor mehr als zehn Jahren, fanden meine Geschichten immer in Deutschland oder Österreich statt. Allerdings in erfundenen Orten, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sehr bald wurde mir bewusst, dass die meisten erfolgreichen Krimis an bekannten Orten spielen, die auch wirklich existieren. Häufig handelt es sich dabei um malerische und beliebte Tourismusorte.

Verschiedene Frankreich-Krimis wurden immer erfolgreicher und eines Tages kehrte ich meinen imaginären Orten den Rücken und begann Provence-Krimis mit Schauplatz Camargue und Luberon zu schreiben. Doch die Verlage waren davon überhaupt nicht überzeugt – zu viele Provence-Krimis mit Lavendelfeldern und Meer gibt es bereits. Deshalb wandte ich mich dem spektakulären und chaotischen Marseille im Lockdown zu, und siehe da, es klappte!

Nun sind meine Schauplätze der Alte Hafen von Marseille, die Gegend um das Kommissariat und die Kathedrale, die Straßen der Großstadt, ihre Vorstädte, aber auch ihre Stadtstrände. Es geht manchmal auch aus der Stadt hinaus nach Aix-en-Provence, das heute fast schon mit Marseille zusammengewachsen ist und mit der Großstadt die sogenannte Metropole bildet. Oder ins schmucke Hafenstädtchen Cassis, das in jedem meiner Marseille-Romane vorkommt, und an die Côte Bleue, die sich westlich der Großstadt erstreckt.

Besonders kriminell inspirierend sind der Hafen Callelongue und die Insel Maire, ein zerklüfteter Felsen, der südlich der Großstadt aus dem Meer ragt. Aber auch die lieblichen Calanques, die Felsbuchten zwischen Marseille und Cassis, regen meine Fantasie an. Dort stelle ich mir gern Leichen am Fuß schneeweißer Kalkfelsen im tiefblauen Wasser treibend vor.

Die Kulisse ist in meinen Krimis sehr wichtig, ich möchte die Leser*innen wirklich in die Provence entführen und ihnen so viel von meiner Wahlheimat mitgeben, wie nur möglich. Viele Krimileser*innen schätzen das, manche finden allerdings, dass mein Roman für einen Krimi zu viele Landschaftsbeschreibungen enthält. Auf jeden Fall ist das im Alltag ziemlich anstrengende und aufreibende Marseille ein sehr dankbarer Krimi-Tatort und eine inspirierende Stadt.

Schreibblockade?

Viele Autorinnen und Autoren leiden darunter: Die Schreibblockade macht ihnen arg zu schaffen. Sie sitzen vor der leuchtend weißen Seite des Computers und nichts geht mehr. Sie wissen nicht mehr, wie und wo sie anfangen sollen, was sie eigentlich wirklich schreiben möchten, wie die Geschichte ablaufen soll. Plötzliche Leere im Kopf oder zu viele Gedanken, die kreuz und quer durch den Kopf schießen, verursachen diese so bekannte Blockade. Oft ist es auch ein Stressfaktor, der auftritt, weil die Autorin / der Autor funktionieren, schaffen, in einer gegebenen Zeit produzieren muss.

Ich habe in den letzten zwei Jahren, in denen ich wieder intensiv zu schreiben begonnen habe, nie mehr unter diesem Phänomen gelitten, allerdings macht mit ein anderes Problem zu schaffen: Oft komme ich gar nicht bis vor die weiße Seite. Wenn ich viel anderes im Kopf habe, dann bringe ich es nicht zustande, mich vor den Computer zu setzen. Ich weiß zwar genau, was ich schreiben möchte, aber ich komme nicht genug zur Ruhe, um es zu tun. Habe ich dann endlich die Word-Seite geöffnet, ist alles in Ordnung, ich beginne zu schreiben und komme gut voran.

Die leuchtend weiße Seite –
der Feind vieler Schriftsteller*innen

Ich schreibe die erste Version meiner jeweiligen Texte sehr schnell herunter – vielleicht auch aus Angst vor der leeren Seite. Bei mir muss da zuerst einmal eine Rohfassung existieren, damit ich gut arbeiten kann. Diese Rohfassung wird dann immer wieder überarbeitet, manchmal auch eine Weile liegen gelassen, um ein wenig Abstand zu gewinnen. Vielleicht habe ich deshalb keine Schreibblockade, weil ich einfach alles aus mir heraussprudeln lasse und es erst dann umformuliere, kürze oder ergänze?

Leider brauche ich zum Schreiben aber meine Ruhe. Die Bedingungen müssen ideal sein, damit ich mich konzentrieren kann. Auch wenn daheim zu viel los ist, kann ich mich nicht sammeln und finde den Weg zu meiner leeren Word-Seite nicht. Oft sperre ich mich ein oder aus (auf die Terrasse), setze meine Kopfhörer auf, schalte meine Lieblingsmusik – entweder klassische Musik oder Hits aus den 80ern und 90ern – ein und schaffe mir so die besten Bedingungen zum Schreiben. Und wehe, wenn mich dann jemand stört!

So wirke ich der Schreibblockade entgegen. Die im Moment noch nicht zu meinen Schwierigkeiten gehört. Mein Problem ist eher berufs- und familienbedingter Zeitmangel und die Tatsache, dass ich in stressigen oder belasteten Zeiten nur schwer zur Ruhe komme. Allerdings hilft mir das Schreiben, eine gewisse innere Ruhe und ein inneres Gleichgewicht zu finden. Deshalb muss ich mir konsequent die Zeit zum Schreiben nehmen. Weil es für nicht nur ein Hobby, sondern vielmehr eine Art Therapie und Meditation ist.

Wer inspiriert mich, was lese ich?

Als Autorin bin ich natürlich auch eine leidenschaftliche Leserin. Was schreiben andere, wie schreiben sie es und wie sind ihre Geschichten aufgebaut? Ich habe drei Lieblingsgenres: Krimis, Psychothriller und historische Romane. Aber ich bin auch hin und wieder Liebesgeschichten, Sozialdramen, Gesellschaftsromanen, Klassikern und sogenannter anspruchsvoller Literatur nicht abgeneigt. Je mehr ich lese, desto besser ist das für mein Handwerk.

Ein Teil meines Lesesommers

Meine Freunde und Familienmitglieder wissen das und schenken mir gern Bücher. Allerdings bin ich sehr pingelig: Ich bin dreisprachig und möchte französische, englische und deutsche Bücher unbedingt in ihrer Originalsprache lesen. Die übersetzte Version kommt für mich nicht in Frage. Krimis in anderen Sprachen lese ich am liebsten auf Deutsch.

Natürlich kaufe ich mir viele Krimis oder Thriller. Denn sie inspirieren mich, aus ihnen lerne ich für meine eigenen Romane. Dabei habe ich eine sehr ausgeprägte Vorliebe für die nordischen Thriller und Krimis. Ich mag diese düstere Stimmung, die in den skandinavischen Romanen vorherrscht. Henning Mankells Krimis habe ich schon vor fünfzehn Jahren alle verschlungen, auch Arnaldur Indridason, Jo Nesbo, Camilla Lackberg und Viveca Sten lese ich sehr gern. Die Millenium-Triolgie hat mir ebenfalls gefallen, allerdings war ich davon längst nicht so begeistert wie von anderen nordischen Krimis.

Vor kurzem habe ich die schwedische Autorin Camille Grebe entdeckt, deren Bücher ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Kaum hatte ich eines fertig gelesen, lud ich mir auch schon das nächste aus derselben Reihe herunter. Das ist der Vorteil der E-Books, das Buch ist sofort zu einem geringen Preis erhältlich.

Es gibt unzählige andere Autoren, die ich sehr bewundere und gern lese. Hier habe ich vor allem über diejenigen berichtet, die mich am meisten inspirieren oder inspiriert haben. Am liebsten sind mir eine düstere Atmosphäre, wechselnde Perspektiven, vielschichtige Romanfiguren und eine geheimnisvolle und verwickelte Handlung, die trotzdem nicht zu kompliziert zu verfolgen ist.

Ich lese jeden Tag vor dem Einschlafen einige Seiten und wenn ich wirklich Zeit habe, stundenweise tagsüber. Im Urlaub kommt es auch vor, dass ich ganze Nachmittage lang die Nase in ein Buch oder in mein IPad stecke. Ich habe immer schon viel gelesen. Und immer schon gefunden, dass ich nie genügend Zeit dafür habe.

Neues aus Marseille

Die letzten drei Tage war der Staatspräsident Macron auf Besuch in Marseille. Er kam aufgrund des „Congrès Mondial de la Nature“, eines internationalen Umweltkongresses, bei dem über Klimaschutz, Vermeidung von Plastikmüll, Schutz der Meere und viele andere Umweltanliegen beraten wird.

Aber er kam auch, um die Stadt Marseille zu unterstützen und ihr Hilfe im Kampf gegen die Kriminalität und den Verfall gewisser Stadtviertel zuzusagen.

Marseille ist schon seit Jahrzehnten das Sorgenkind aller französischen Präsidenten. Die Stadt leidet unter Armut, Kriminalität und Baufälligkeit. Unzählige Stadtviertel sind davon betroffen. Die meisten befinden sich nördlich des Zentrums. Die berüchtigten „Quartiers Nord“ sind ein Sargnagel für die lokalen, regionalen und nationalen Politiker, denn das Problem scheint unlösbar.

Riesige, zum Großteil sehr veraltete Gebäudekomplexe, nicht vorhandene Infrastrukturen, baufällige Schulen und eine große Bevölkerungsdichte charakterisieren diese Vorstädte, in denen eine hohe Kriminalitätsrate herrscht. Aber nicht nur die Vorstädte bereiten in Marseille Probleme. Vor drei Jahren stürzten zwei alte Wohngebäude im Stadtzentrum ein und mehrere Einwohner wurden unter den Trümmern begraben. In der Tat ist in Marseille der veraltete Wohnbau in vielen Stadtvierteln ein großes Problem.

ein Teil der nördlichen Stadtviertel
vom Meer gesehen

Der Staatspräsident sagt der Stadt Marseille wichtige finanzielle Mittel zu, um die Vorstädte zu sanieren, die größten Gebäude abzureißen und die baufälligsten Altbauten zu renovieren. Er erklärt den Drogenringen den Krieg: Bedeutend mehr Polizisten, mehr Staatsanwälte und Richter sollen eingestellt werden, zudem sollen Kameras den Banditen ihr Handwerk erschweren. Nur durch die strafrechtliche Verfolgung kann die Stadt der Banden Herr werden, beteuert er. Ihm ist bewusst, dass diese Maßnahmen anfangs mehr Unruhen hervorrufen, aber letztendlich Erfolge im Kampf gegen die Kriminalität erzielen werden. Vor allem spricht Macron sich auch dafür aus, an die zwanzig Schulen, die in einem sehr schlechten Zustand sind, von Grund auf renovieren zu lassen, damit die Arbeitsbedingungen für Lehrer und Schüler dort erträglich werden. Zu tun gibt es genug und die finanziellen Mittel müssen nun effizient eingesetzt werden.

Marseille war immer schon ein politisch schwieriges Pflaster und die Stadtverwaltung braucht die Hilfe des Staates. Allerdings versichert der Staatspräsident den Stadtpolitikern, dass er Marseille nicht unter Kuratel stellen will, sondern vielmehr eine wirkungsvolle Zusammenarbeit mit ihnen schaffen möchte.

Das Hauptthema meines Romans

Das Hauptthema meines Kriminalromans ist trotz des Titels nicht Corona oder der Lockdown. Die Pandemie stellt eigentlich nur den Hintergrund der Handlung dar, ein zusätzliches lästiges Ereignis, das die Arbeit meiner Krimi-Heldinnen und -Helden erschwert. Das Hauptthema ist Mobbing. Es beginnt alles mit Mobbing, das sehr weit geht und schlimm endet: Eine Schülerin bringt sich deshalb um. Bei der Leserunde auf Lovelybooks wurde mir bewusst, dass es sich um ein sehr aktuelles Thema handelt. Ein Thema, über das heute in den Schulen viel gesprochen wird, das aber noch vor fünfzehn Jahren kaum angeschnitten wurde. Durch Beiträge von Leserinnen und Lesern erfuhr ich, dass auch sie oder ihre Kinder in der Vergangenheit gemobbt wurden und dass die meisten Lehrer(innen) dieser Tatsache damals gleichgültig gegenüberstanden. Früher gab es für dieses Phänomen noch nicht einmal einen Ausdruck.

Heute ist Mobbing ein wichtiges Thema, vor allem, weil jedes Jahr deshalb Selbstmorde geschehen. Heute ist außerdem auch das Cyber-Mobbing dazugekommen, das mittlerweile ein bedeutendes Problem darstellt. Viele Schüler(innen) werden in den Social Medias verspottet, bloßgestellt oder verbal sexuell belästigt. Streitigkeiten zwischen Schulkamerad(inn)en werden im Internet ausgetragen und arten so teilweise in regelrechte Schlammschlachten aus, an denen sich beteiligen kann, wer will. Auch das Fotografieren und Filmen von Mitschüler(inne)n in peinlichen Situationen ist gang und gäbe. Häufig wird versucht, mit Bildern und Filmen, die andere bloßstellen, „Likes“ in den Social Medias zu erhalten. All das macht den Schulalltag der Jugendlichen heute zu einem wahren Spießrutenlauf. Doch hier in Frankreich und sicher auch in den anderen europäischen Ländern werden die Schüler(innen) immer mehr darauf hingewiesen, dass Mobbing und vor allem nachweisbares Web-Mobbing eine kriminelle Handlung darstellt, die vom Gesetz bestraft wird.

Der große Unterschied zu früher besteht darin, dass die Schüler heute sensibilisiert werden. Den Opfern wird eingeschärft, dass sie sich Hilfe holen müssen. Die Täter werden gewarnt. Und trotzdem ist das Mobbing-Problem an Schulen schwer zu lösen. Und jedes Jahr gibt es Opfer wie Emeline, die von ihren Mitschüler(inne)n durch bösartige und teilweise sogar kriminelle Aktionen in den Selbstmord getrieben werden.

Autorin – es geht nicht nur ums Schreiben!

Viele denken, dass Schriftsteller(in) ein Traumjob ist. Und das stimmt auch, weil eigentlich alle, die schreiben, es aus Leidenschaft tun. Allerdings ist es für die meisten nur ein Nebenjob, der ihnen sehr wenig Einkommen beschert. Nur einige wenige Autor(inn)en können von ihrer schriftstellerischen Tätigkeit leben. Und wahrscheinlich schreiben diese wenigen auch nicht rund um die Uhr, sondern starten die verschiedensten Aktionen, um ihre Bücher zu vermarkten.

Mir wird langsam bewusst, dass das Schreiben nur ein Teil meiner Tätigkeit ist. Wenn ich mein Buch wirklich effizient vermarkten will, dann muss ich auch selbst Werbung dafür machen und beim Marketing Hand anlegen. Ich muss mein Buch und mich selbst als Autorin bekannt machen, überall, wo es nur geht. Das ist harte Arbeit, und vor allem habe ich als Neueinsteigerin damit noch keine Erfahrung.

Die Social Medias sind sehr hilfreich. Vor allem trete ich auf Instagram und Facebook mit anderen Schriftsteller(inne)n in Kontakt, die ihre Erfahrungen teilen. Ich sehe, wie sie arbeiten, wie sie Werbung für ihre Bücher machen und kann mich und mein Buch ohne Kostenaufwand präsentieren. Es freut mich auch, meine Bilder schön darzustellen und eine Geschichte zu jedem Bild zu erzählen. Und ich liebe es, die Beiträge von Kolleg(inn)en zu lesen und darauf zu reagieren, auszutauschen. Auf Lovelybooks kann ich mich direkt an Leser(innen) wenden, die mir auch Feedback geben und Rezensionen zu meinem Buch schreiben. Ich kann Rezensionen zu anderen Kriminalromanen lesen und mir ein Bild vom Buchmarkt machen.

Aber leider wird mir bewusst, dass das noch nicht reicht und dass es mehr braucht als eine nett gestaltete Webseite, einen hübschen Instagram-Feed, ein attraktives Facebook-Profil, ein Profil auf Lovelybooks und einen Blog. Tja, heutzutage muss ein(e) Schriftsteller(in) sogar als Verlagsautor(in) Spezialist(in) in Marketing, Vertrieb und Public Relations sein! Oder Geld in die Hand nehmen, um das eigene Buch effizient zu vermarkten.

Daher: Das Schreiben ist sicherlich eine sehr romantische und angenehme Tätigkeit. Aber auch das Buch ist ein Produkt, das heute dem Markt unterworfen ist und auf diesem Markt sehr häufig untergeht.

Viele Schriftsteller(innen) schreiben für sich, als Hobby, und freuen sich, wenn ihr Buch wider Erwarten gut verkauft wird. Aber jede Autorin und jeder Autor würde insgeheim gern von seiner schriftstellerischen Tätigkeit leben. Einige wenige haben das riesige Glück, ohne großen Aufwand viele Exemplare schnell zu verkaufen. Doch die meisten müssen auch dafür, wenn erst einmal das Buch aufliegt, weiterhin hart arbeiten.

Marseille – eine gefährliche Stadt?

In meinem Roman spielt mein Krimischauplatz, die Stadt Marseille, eine sehr wichtige Rolle. Auch auf meiner Internetseite habe ich Marseille und Umgebung ausgiebig beschrieben. Aber wie ist Marseille wirklich? Viele Ausländer denken, wenn von Marseille die Rede ist, natürlich an das Meer und den großen Hafen, aber auch an Kriminalität, Korruption und Armut.

Auch innerhalb Frankreichs hat Marseille keinen guten Ruf: In den Augen der Einwohner von Paris ist Marseille eine sehr gefährliche Stadt. Jede Woche liest man in der Zeitung Berichte über Schießereien oder Hinrichtungen in Marseilles Vorstädten. Auch Korruptionsaffären gibt es einige. Allerdings wäre es unfair zu behaupten, dass Paris nicht genau dieselben Probleme hat wie Marseille. Paris hat genauso schwierige Vorstädte, korrupte Politiker und Beamte, und zahlreiche Kriminalfälle. Deshalb wundert es uns Einwohner aus dem Süden, dass Marseille in Nordfrankreich derart schlechtgemacht wird.

Marseille ist natürlich eine Millionenstadt und in solchen Großstädten herrscht in gewissen Stadtvierteln Armut. Noch dazu handelt es sich um einen der größten Häfen Europas und um das Tor zu den ehemaligen nordafrikanischen Kolonien. Marseille war einer der wichtigsten Schauplätze der French Connection, des in den 70er Jahren zerschlagenen internationalen Drogenschmugglernetzes. Und nicht zuletzt ist die Mafia von Marseille berühmt-berüchtigt. Dieses Gemisch hat zur Folge, dass die Hafenstadt auch innerhalb Frankreichs einen schlechten Ruf erlangt hat.

Aber ganz konkret gesehen riskiert der Tourist, der im Stadtzentrum herumspaziert und sich an den Stränden in und um die Großstadt aufhält, nicht mehr als in anderen Tourismusstädten. Taschendiebstähle und Einbrüche in Autos oder Reisebusse sind wie in vielen Großstädten gang und gäbe, aber sein Leben setzt in Marseille keiner aufs Spiel. Allerdings ist es nicht ratsam, sich in die Quartiers Nord, die Vorstädte, zu begeben. Aber auch in Paris, Lyon und in kleineren Städten Frankreichs gibt es solche Orte, die man als Besucher meiden sollte. Außerdem habe ich es in meinem Roman bereits angedeutet: Das Stadtzentrum Marseilles wurde in den letzten Jahrzehnten auf spektakuläre Weise renoviert, ganze Viertel wurden revitalisiert oder neu gebaut.

Natürlich hat Marseille wie jede Großstadt dunkle Seiten, die in meinem Krimi und in vielen anderen Romanen, Filmen und Serien gut zur Geltung kommen. Es ist zwar das meiste fiktiv, aber trotz allem nicht so weit hergeholt. Aber das ist kein Grund, die Stadt aus der Liste der Urlaubsdestinationen zu streichen: Marseille bietet dem Besucher sehr viel, besitzt eine ganz spezielle Atmosphäre und viele kulinarische Spezialitäten.